[Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

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bulli71
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[Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von bulli71 » 29.04.2020 01:22

Nachdem Dani*8 mir kürzlich von den Vorzügen der Gemmer-Lenkung gegenüber der Fingerlenkung im T2a vorschwärmte, habe ich mir Gedanken über den Umbau gemacht. Also habe ich mir bei eBay Kleinanzeigen drei Getriebe in unbekanntem Zustand besorgt, einfach um mal zu üben und zu schauen wie die aufgebaut sind, wie man sie zerlegt, Schadensbilder und Möglichkeiten der Reparatur. Laut VW war eine Reparatur nie vorgesehen, die Box sollte bei Schäden immer getauscht werden. Nicht so leicht heutzutage und außerdem ist es doch am Ende erst mal nur Mechanik...

Zum Zerlegen: nach gründlicher äußerer Reinigung einfach die 3 M8 Schauben des runden Deckels an der Seite und die 4 M8 Schrauben des Deckels der Eingangswelle lösen.
Den Seitendeckel kann man dann noch nicht abnehmen, da die Einstellschraube fest in der Ausgangswelle sitzt. Also muss man die Mutter der Einstellschraube entfernen (vorher gut abbürsten und mit WD40 behandeln) und die Einstellschraube mit dem Schraubendreher einschrauben. Das hebt den Deckel automatisch ab.

Bild
Die Ausgangswelle kann man einfach heraus ziehen, allerdings nur wenn sie auf ganz links oder ganz rechts steht. Nicht in der Mittelstellung, da die Walze dann gegen das Gehäuse stoßen würde.

Die Eingangswelle (Spindel) läuft in zwei Schulterkugellagern, mit einer Lagerschale im Gehäuse und innen direkt auf der Welle. Das obere Lager ist ein Loslager, welches durch die Federscheibe unter dem Deckel beaufschlagt wird.
Die Spindel kann man also einfach herausziehen
Eingangswelle.jpg
Das wars. Das Getriebe ist zerlegt und man kann die Einzelteile begutachten.
Einzelteile.jpg
Von den drei Getrieben die ich habe, hatten zwei starke Lagerschäden. Die Lagerschalen hatten starkes Pitting, bei einer Spindel war die Lauffläche des oberen Lagers in einem katastrophalen Zustand. Eine Spindel hatte leichtes Pitting in der Lauffläche der Walze, eine Spindel war gut.
Pitting Spindel.jpg
Schaden Kugellauffläche.jpg
Die obere Lagerschale kann man einfach begutachten, man hat sie ja schon in der Hand. Die Lauffläche muss absolut ohne sichtbare Spuren sein. Nicht nur keine Ausbrüche, sondern auch keine rissigen Strukturen in der Oberfläche (genau schauen!).
Beim unteren Lager wird das schon schwieriger, dieses ist eingepresst. Unter der Lagerschale sind zwei Aussparungen für Abzieher, den ich in dieser Form aber nicht habe. Also habe ich einen alten Maulschlüssel geköpft, den Kopf um etwas über 90Grad gedreht wieder angeschweißt und damit kann man wunderbar unter das Lager greifen und es heraushebeln.
Hebel.jpg
aushebeln.jpg
Auch hier hatte ich teils heftige Schäden, aber eine Lagerschale war in gutem Zustand.


Leider gibt es die Lager nicht zu kaufen, sie waren scheinbar speziell für dieses Getriebe gefertigt. Es handelt sich um die SKF Nummer 355927 (oben) und 355904 (unten).


Die Walzen der Eingangswelle waren in allen drei Fällen OK, auch die Gehäuse. Also habe ich mir aus allem die besten Teile herausgesucht, alles penibel gereinigt und ins beste Gehäuse wieder montiert.

Der Zusammenbau geschieht in umgekehrter Reihenfolge, nachdem man auch die Laufflächen der Dichtringe gereinigt hat (ggfs mit feinem Schleifleinen). Alle Gewinde des Gehäuses sollte man noch säubern / nachschneiden und sorgsam die Späne beseitigen.

1. untere Lagerschale einpressen (Gehäuse heiß machen)
2. Eingangswelle mit Kugelkäfigen ölen und einsetzen
3. Obere Lagerschale einlegen
4. Federscheibe einlegen, mit der Wölbung nach oben (die Außenkante liegt auf dem Lager auf)
5. Stahlscheibe mit dünnflüssiger Dichtmasse benetzen und auflegen
6. Deckel mit neuem Simmerring auch mit dünnflüssiger Dichtmasse benetzt auflegen und verschrauben.
7. Gleitlager im Gehäuse und im runden Deckel ölen und die Ausgangswelle reinschieben (wieder, wie oben beschrieben, in leicht seitlich verdrehter Stellung damit die Walze an der Gehäusewand vorbei passt). Achtung: Die Welle nicht zu weit und quasi an der Spindel "vorbei" reinstecken
8. Seitendeckel auflegen und die Einstellschraube der Ausgangswelle bis auf Anschlag in den Deckel einschrauben. Dadurch wird der Deckel quasi leicht gegen das Gehäuse gezogen und es ist sichergestellt, dass die Welle richtig positioniert ist. Deckel verschrauben.
9. Getriebe einstellen. Dafür fixiert man das Getriebe am besten im Schraubstock, der Lenkstockhebel sollte montiert sein. Man muss genau die Mittelstellung finden, und beginnt nun durch Eindrehen der Einstellschraube vorsichtig damit das Spiel auf Null zu bringen. Der Lenkstockhebel soll ganz knapp kein Spiel mehr haben. Kontermutter anziehen und nochmals prüfen, ggfs nacharbeiten. Es sollte auf keinen Fall zu stramm sein, so dass das Getriebe in Mittelstellung klemmen würde.

Ich habe nun aus drei defekten Getrieben ein sehr gutes zusammengebaut, und benötige noch eine Spindel und ein unteres Lager für ein zweites. Erst wenn ich zwei Getriebe auf Lager habe gehe ich den Umbau an.

Alle hier gemachten Schritte sind nach bestem Wissen und Gewissen und stellen keinen Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit. Ergänzungen sind willkommen.
Dateianhänge
Walze im Gehäuse.jpg

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von ghiafix » 29.04.2020 08:01

Tolle Beschreibung. :gut:
Bin auf Deinen Fahrbericht und den Unterschied gespannt.

Harald
Bild

So, nu hab' ich auch 'nen Blog:
https://stallarbeiten.blogspot.com

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von bullijochen » 29.04.2020 09:36

Na das sieht ja vielversprechend aus. Kannst du mal noch Bilder von Aussen schicken das man die Getriebe mal im Vergleich dehen kann?
Gruß Jochen

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von dietmar2 » 29.04.2020 11:33

moin,
interessanter beitrag, steht mir wohl auch noch bevor so eine aktion,
ist von dem angebotenen überholsatz beim bullisammler nix zu gebrauchen???
https://raanas-shop.de/VW-Bus-T2-Ersatz ... :5949.html


gruß aus hro
dietmar

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von bulli71 » 29.04.2020 11:55

Guter Hinweis. Von den Teilen auf den Bildern kommt mir keines bekannt vor, die gehören definitiv NICHT in die Walzenlenkung des T2b mit dem runden Seitendeckel.
Meine erste Vermutung war, dass das doch ein Satz für den T2a ist, aber auch dort gibt es glaube ich keine Spiralfeder.
Ich tippe es ist ein Satz für die brasilianischen Getriebe welche ja auch in den b passen, aber nun mal vollkommen anders aufgebaut sind.

Habe bei shop190 mal angefragt, da ich dieses Angebot so für etwas fahrlässig halte. Mal sehen was die antworten

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von bulli71 » 29.04.2020 23:40

Noch eine kleine Ergänzung, für andere die diese "große Wartung" vielleicht auch mal angehen wollen:

Die Lager gibts praktisch nirgends mehr, und ich habe noch keine Alternativen mit ggfs nicht zu großen Änderungen an der Spindel gefunden.
Aber es gibt einen Händler, der nach eigener Aussage noch einiges an Lagern vorrätig hat. Habe heute Nachmittag mit ihm gesprochen und etwas mit ihm geplaudert, er hat für solche Probleme ein offenes Ohr und scheint mit verschiedenen alten Lagern helfen zu können.

http://www.peters-bearing.de/index.php

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von Norbert*848b » 30.04.2020 00:06

bulli71 hat geschrieben:
29.04.2020 23:40
… und scheint mit verschiedenen alten Lagern helfen zu können.http://www.peters-bearing.de/index.php
Ja, scheint der Einzige zu sein, der diese Speziallager anbietet, entweder einzeln oder im Satz.
https://www.ebay.de/itm/Satz-Lenkgetrie ... 100623.m-1
Freundliche Grüße aus Algermissen

Norbert

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von bulli71 » 04.05.2020 00:23

Hier noch ein Link zu einem anderen Beitrag, in dem ich mir das derzeit alternativ verfügbare brasilianische Lenkgetriebe angeschaut habe:

viewtopic.php?f=7&t=23370&p=267759#p267759

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von Race_cook » 05.05.2020 18:44

Ich überhole die T2b ZF oder Gemmer Lenkgetriebe mit originalen Ersatzteilen, wozu ich regelmäßig Lenkgetriebe ankaufe. Mit dem nicht unerheblichen Lager an Ersatzteilen bekomme ich die Lenkgetriebe wieder flott. T2a natürlich auch. Bei Interesse gerne melden. Gruß Andreas

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Re: [Workshop] Überholung der T2b Gemmer-Lenkgetriebe

Beitrag von Tanjas&Thomas_T2b » 28.06.2020 18:08

Moin Thorsten,

ich habe mir mal mein Reserve Lenkgetriebe vorgenommen und habe das einmal zerlegt.
Das sieht noch perfekt aus. Es scheint also auch intakte Getriebe zu geben.

Zu deine Liste habe ich noch folgende Anmerkungen:
Benötigtes Material:

Wellendichtringe in den folgenden Größen:
1 Stk Wellendichtring / Simmerring BASL 22x32x7 mm
1 Stk Wellendichtring / Simmerring BA 28x38x7 mm

Laut TM31http://www.michaelknappmann.de/bildchen.php
Soll das Getriebe mit Hypoid Getriebeöl SAE90 befüllt werden. (ca. 250ml)
bulli71 hat geschrieben:
29.04.2020 01:22
9. Getriebe einstellen. Dafür fixiert man das Getriebe am besten im Schraubstock, der Lenkstockhebel sollte montiert sein. Man muss genau die Mittelstellung finden, und beginnt nun durch Eindrehen der Einstellschraube vorsichtig damit das Spiel auf Null zu bringen. Der Lenkstockhebel soll ganz knapp kein Spiel mehr haben. Kontermutter anziehen und nochmals prüfen, ggfs nacharbeiten. Es sollte auf keinen Fall zu stramm sein, so dass das Getriebe in Mittelstellung klemmen würde.
Ich glaube hier ist dir ein Fehler unterlaufen.
Laut Reparaturleitfaden Seite 308 Soll man das Lenkgetriebe in Mittelstellung bringen.
Dann um 180-200° aus der Mittelstellung heraus drehen.
Und dann dann das Lenkspiel so einstellen, das gerade kein Spiel mehr spürbar ist.

http://www.michaelknappmann.de/bulli/mi ... 08/308.jpg

Viele Grüße
Thomas
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